Erarbeitet am 11. Juni 2015 auf dem Europäischen Kongress 'Sucht im Alter' in Luxemburg

Alternde Drogenabhängige stellen die MitarbeiterInnen von niedrigschwelligen Einrichtungen, Pflegeheimen, Suchtärzte und Therapeuten vor neue Herausforderungen. Um gebrechlichen KlientInnen den Konsum in Kontakt- und Anlaufstellen weiterhin zu ermöglichen und den Zugang zum bestehenden Pflege- und Hilfsangeboten aufrecht zu erhalten, wurden folgende Richtlinien erstellt. Diese sollen Antworten geben auf infrastrukturelle, pflegerische, sozialarbeiterische und ethische Herausforderungen, welche die demografische Entwicklung der Population der Drogenkonsumenten darstellt. Zielsetzung ist die Stabilisierung von mehrfach geschädigten Personen, damit diese auch die letzte Lebensphase mit Qualität und in Würde erleben können.

Infrastrukturelle Empfehlungen

Bei bestehenden (oder neuen) Einrichtungen sollte auf die sogenannte Mobilitätsgerechtigkeit geachtet werden. Damit ist gemeint dass Einrichtungen auch für Rollstuhlfahrer und anderweitig mobil eingeschränkte Personen zugänglich sind.

Ebenso kann und sollte die Inneneinrichtung von Kontakt und Anlaufstellen altersgerecht gestalten werden, zum Beispiel durch anbringen von Griffen in Duschen oder Toilette.

In Drogenkonsumräumen könnten Hilfestellungen zum intravenösen Konsum angeboten werden, wenn der oder die GebraucherIn nicht mehr in der Lage ist, sich selbst zu injizieren.

In den Niederlanden gibt es schon Beispiele von integrierten Einrichtungen. Dabei geht es um sektorübergreifende Einrichtungen mit Sozialamt, Wohnamt, Suchtarzt und Wohnraum im selben Gebäude. Dies verkürzt die Wege für die GebraucherInnen, macht den Gang zum Arzt oder Amt niedrigschwelliger und sorgt gleichzeitig dafür, dass Hilfsangebote besser aufeinander abgestimmt, professionelle Netzwerke verstärkt und somit die Qualität der Hilfsangebote verbessert werden.

Ethische Empfehlungen

Will man die verschiedenen Hilfsangebote, die um chronisch abhängige und mehrfachgeschädigte Personen bestehen, besser miteinander abstimmen, so kommt man vor das Dilemma der Schweigepflicht. Ohne Einwilligung des Klienten dürfen keine Informationen ausgetauscht werden zwischen Institutionen. Eine mögliche Lösung ist die Erstellung einer Schweigepflichtentbindung, auch festlegbar für einen eingeschränkten Bereich von Daten / Information.

Wenn Menschen nach mehrfachen Therapieversuchen nicht mehr abstinent leben können oder wollen, sollte das möglich und akzeptiert sein. Jahrelang drogensüchtige Menschen werden nicht durch Ausgrenzung in die Gesellschaft reintegriert, sondern durch Akzeptanz ihrer Lebensweise. Dazu gehört auch die freie Wahl von Wohnmöglichkeit, sei es in Form von dauerhaft betreutem Wohnen, in einer Privatwohnung, im Alters- oder Pflegeheim oder auf der Straße.

Jeder Mensch hat das Recht, in Würde alt zu werden und zu sterben unabhängig vom Lebensweg, den er gewählt hat. Soziale Akzeptanz von Drogengebrauch kann desaströsen Folgen von Marginalisierung und Vereinsamung vorbeugen. Hierzu gehört auch die Akzeptanz von Konsum im Rahmen der Wohnsituation.

Gleichzeitig fordern Fachleute eine Depenalisation, d.h. Entkriminalisierung von Besitz und Konsum von Drogen. Gefängnisse sind das Tor zum Desaster, sagt ein Arzt. Durch geringe medizinische und sozialarbeiterische Versorgung mit stetem Angebot von weichen und harten Drogen entsteht eine explosive Mischung, die vielen Strafgefangenen eher schadet als nützt.

Soziale und pflegerische Einrichtungen sollten nachdenken über alternative Finanzierungsmodelle. Zum einen könnte dadurch mehr Raum zum Experimentieren und Lancieren von Pilotprojekten geschaffen werden, zum anderen auch Unabhängigkeit von Drittmitteln und daran verbundene Bedingungen. So könnte zum Beispiel die Unterstützung für undokumentierte resp. nicht registrierte Drogensüchtige ausgebaut werden.

Es ist dringend notwendig, durch vermehrte Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit die Anliegen der Zielgruppe sichtbar zu machen. Durch mehr gesellschaftliche und politische Aufmerksamkeit könnten mehr Dilemmas effektiver bearbeitet werden. Organisationen sollten die Bevölkerung aktiver aufklären - wenn möglich mit Partizipation der KlientInnen, zum Beispiel in Form von Klientenräten oder Betroffenenverbänden. Eine umstrittene Frage ist diejenige nach der Spezialisierung versus Integration. Sollen vermehrt auf alternde Drogensüchtige spezialisierte Einrichtungen aufgebaut werden oder versucht werden, diese Zielgruppe in bereits bestehende Einrichtungen zu integrieren? An Praxisbeispielen wie den Modellprojekten LÜSA in Unna und dem BeWo City in Zürich wird ersichtlich, dass spezialisierte Einrichtungen erfolgreich sind. Sie werden den biografischen Erfahrungen gerecht, vor allem in Bezug auf Toleranz des Konsums. In bestehenden Strukturen ist dies oft eine Hemmschwelle und aktive Konsumenten sind nicht erwünscht. In jedem Fall besteht der Wunsch nach mehr Vernetzung mit anderen Hilfsangeboten wie Ärzten, Psychiatern, Therapeuten, Sozialarbeitern und Pflegediensten sowie eine gezielte Qualifizierung des Personals.

Auch sollten Bewohner / Klienten / Konsumenten die Möglichkeit haben, sich in den Einrichtungen einzubringen, sei es in freiwilligen Tagesstrukturangeboten oder in sogenannten Minijobs. Beschäftigung wirkt sinnstiftend und unterstützt Reintegration. Dies sollte auch monetär gewürdigt werden - niemand sollte gratis arbeiten.

Sozialarbeiterische und pflegerische Empfehlungen

Qualifizierung des Personals wurde schon an mehreren Stellen angestoßen. Sowohl Mitarbeitende Pflege als auch Sozialarbeiter sollten geschult und sensibilisiert werden in folgenden Themen: Altenpflege / Geriatrie, Abhängigkeit von illegalen Substanzen, körperliche und psychische Komorbidität. Sensibilisierung geschieht auch durch funktionierende Zusammenarbeit in den Einrichtungen. Die Mitarbeiter tauschen sich im Rahmen von Teamsitzungen und Supervisionen aus und unterstützen sich um Hilfsangebote besser aufeinander abzustimmen.

Auch ist eine weitreichende Vernetzung und Abstimmung von Hilfsangeboten mit anderen Einrichtungen und Partnern von großer Hilfe, in Luxemburg spricht man von 'ligne de soins' und in den Niederlanden von 'Ketenzorg'. Dabei geht es auch um Kooperation mit Leistungsträgern, Kliniken, Betreuern, Selbsthilfegruppen etc. Eine kleinere aber ebenso effektive Art der Vernetzung von Disziplinen ist die interdisziplinäre Zusammenstellung eines Teams. Erfolgreiche Beispiele sind das Assertive Community Treatment (ACT) wobei Case Management mit einem interdisziplinären Team organisiert wird oder die Einbindung der Case Manager in die Teams der Kontakt- und Anlaufstellen in Zürich. Es sollten themenspezifische Weiterbildungsangebote durchgeführt und entwickelt werden. Im niedrigschwelligen Drogenbereich besteht Bedarf an geriatrischem Wissen, in der Alterspflege an Wissen über illegale Substanzabhängigkeit und deren Begleiterscheinungen. In Teams sollte Supervision einen festen Platz einnehmen, dass Fachkräfte sich über solche Themen austauschen und coachen können.

Beschäftigungen und Tagestrukturen in niedrigschwelligen Einrichtungen sollten altersgerecht und sinnstiftend organisiert werden. Dabei muss Rücksicht genommen werden auf verminderte Mobilität und Motorik. Wichtig ist, dass für jeden ein passendes Angebot dabei ist. Freiwilliges Coaching im Sinne von Case Management unterstützt die Klienten bei Ressourcenerschliessung und –Stärkung. Selbständiges Wohnen in einer eigenen Wohnung sollte möglichst lange ermöglicht werden durch aufsuchende (ambulante) Unterstützung von Sozialarbeiter und Pflegepersonal in Form von mobilen Teams. Freiwillige können eine wichtige Rolle spielen wie im Beispiel der Buddyzorg aus Amsterdam. Auch Peergruppen sollten einbezogen werden.

Die Auseinandersetzung mit dem Tod sollte nicht gescheut, sondern gesucht werden. Für viele Menschen, drogenabhängig oder nicht, ist dies ein wichtiger Prozess am Lebensende..

Auch in diesem Gebiet gilt: Kreativ bleiben und neue Wege gehen! Weiterbildungen, z.B. in Sterbebegleitung, müssen geschaffen werden, Vernetzungen geknüpft, das Thema sichtbar gemacht und formalisiert werden. Jeder Mitarbeiter verfügt über ein eigenes und betriebliches Netzwerk. Diese Netzwerke sind für alle Organisationen von vitaler Bedeutung.

Professioneller Austausch sollte immer stimuliert werden. In erster Linie in der eigenen Organisation, Gemeinde, Stadt, Land, aber auch länderübergreifend. Jedes Land, Stadt und Organisation hat seine den lokalen Umständen entsprechende Herangehensweise. Durch organisierten Austausch kann Inspirationen und Fachwissen für den eigenen Betrieb gesammelt werden. Häufig werden Einrichtungen nach bestimmten Vorbildern modelliert: Drogenkonsumräume sind zum Beispiel nach Schweizer Beispiel entstanden und in Frankfurt am Main wurde ein Buddyprojekt durch die Buddyzorg in Amsterdam inspiriert und organisiert. Wissen und Erfahrungen sollten abgeholt werden und gewinnbringend in neue Projekte einfließen können.